Jungigel: Aufzucht
Einleitung
Igelsäuglinge, die ausserhalb des Nestes gefunden werden, brauchen dringend menschliche Hilfe. Da es aber Erfahrung braucht, Jungigel zu versorgen, kontaktieren Sie so rasch wie möglich das Igelzentrum oder einen Tierarzt in Ihrer Nähe.
Igelsäuglinge unterkühlen sehr rasch. Legen Sie diese daher sofort auf eine mit lauwarmem Wasser gefüllte Wärmeflasche, die Sie in eine Kartonschachtel legen und mit einem Küchentuch bedecken. Auch die Igelsäuglinge werden mit einem Küchentuch vorsichtig bedeckt.
Falls Sie innerhalb der nächsten Stunden keine Fachperson beiziehen können, versuchen sie, den Igelsäuglingen mit Hilfe einer Spritze ohne Nadel oder mit einer Pipette lauwarmen, ungesüssten Fencheltee einzuflössen. Geben Sie ihnen niemals Milch.
Da Igelsäuglinge noch nicht ohne Hilfe Kot und Urin ausscheiden können, müssen die Geschlechtsteile mit einem Wattestäbchen gekitzelt werden, bis Kot und Urin abgegeben werden. Lesen Sie unter Toiletting nach.
Fliegeneier und Maden, falls vorhanden, müssen mit einer Zahnbürste und Wasser vorsichtig entfernt werden. Bei kleinen Zecken (ev. kaum sichtbar!) nehmen Sie eine Pinzette zu Hilfe. Manchmal ist eine medikamentöse Behandlung nötig.
Wie alt ist der gefunden Igel?
Mit Hilfe der folgenden Tabelle lassen sich Alter und Gewicht eines Igelsäuglings bestimmen.

Fütterung I
Wiegen die Igelsäuglinge weniger als 120g, werden sie mit einer Welpenersatzmilch ernährt. Diese ist beim Tierarzt erhältlich. Kuhmilch ist für Igel nicht geeignet (siehe Häufige Fragen)!
1 Teil Welpenersatzmilch mit 2 Teilen lauwarmem Wasser anrühren und in eine Spritze ohne Nadel einfüllen. Igelsäugling auf den Rücken legen, mit dem Daumen leicht klemmen und Ersatzmilch sorgfältig einflössen, bzw. schlucken lassen.

Die Trinkmenge muss individuell angepasst und mit zunehmendem Körpergewicht erhöht werden. Ein Igelsäugling erhält während 24 Stunden etwa ¼ seines Körpergewichtes als Nahrungsmenge verabreicht. Beispiel gemäss Tabelle: Ein 40g schwerer Igel bekommt 10 ml Welpenersatzmilch, verteilt auf 8 Mahlzeiten am Tag und 2 Mahlzeiten in der Nacht. Nach dem Öffnen der Augen kann die Fütterung nachts ausbleiben.
Der Igelsäugling sollte täglich 4-6g zunehmen. Frisst er selbständig, erhöht sich die Gewichtszunahme auf täglich 10g. Eine Waage (mit 1- oder 2-Gramm-Skalierung) zum Bestimmen der Gewichtsentwicklung ist unablässig bei der Säuglingsaufzucht: Verlust oder übermässige Zunahme über mehrere Tag sind Alarmsignale!
Im Filmbeitrag sehen Sie die Handaufzucht von kleinen Igeln. Die gezeigten Igel müssen auch in der Nacht 2 mal gefüttert werden! Bei so kleinen Igeln braucht es viel Erfahrung und Durchhaltevermögen der Pflegerin.
Berichte zu Erfahrungen mit Igelsäuglingsaufzucht finden Sie in
Igel & Umwelt 2006/1 (PDF 1.1 MB) auf Seite 3 und in
Igel & Umwelt 2009/1 (PDF 1.0 MB) auf Seite 4.
Toiletting
Igelsäuglinge können noch nicht selbst Kot und Urin ausscheiden. Die Geschlechtsteile müssen geduldig massiert werden mit dem angefeuchteten Finger, einem Wattestäbchen oder mit einem mit warmem Wasser angefeuchteten Watte-Pad, bis Kot und Urin abgegeben werden. Frisst der Igelsäugling selbständig, ist das Toiletting nicht mehr nötig.
Fütterung II
Sobald die Igelsäuglinge Interesse zeigen, Welpenersatzmilch zu läppeln, wird diese in einem Schälchen angeboten: z.B. umgedrehter Unterteller. Manchmal braucht es etwas Zwang (siehe Filmbeitrag), damit sie selbständig Ersatzmilch läppeln: Dazu die Zeitspanne zwischen dem Schöppeln erhöhen! Sind die Igel 150g schwer, sollten sie nicht mehr geschöppelt werden müssen.
Dann wird wenig fein zerdrücktes Katzenfeuchter in die Welpenersatzmilch gemischt. Anfänglich wird es als Bodensatz liegen bleiben, mit zunehmendem Appetit dann aber mitgefressen. Der Anteil Katzenfeuchtfutter wird täglich erhöht. Innerhalb von 10 Tagen fressen die Igelsäuglinge ausschliesslich Katzenfeuchtfutter.
Es gibt aber auch Jungigel, die die Welpenersatzmilch nicht läppeln wollen. Bietet man ihnen reines Katzenfeuchtfutter an, fressen sie dieses sofort.
Die Umstellung auf Katzenfeuchtfutter sollte bis zum Erreichen von ca. 180g Körpergewicht erfolgt sein. Dieser Wechsel sollte so früh wie möglich angestrebt werden, da Welpenersatzmilch nicht die optimale Ernährung für Jungigel ist.
Wenn Sie die Säuglinge nicht mehr schöppeln, vermeiden Sie den Berührungskontakt mit ihnen (mit Ausnahme des Wägens). Sie sind Wildtiere und sollen nicht verhätschelt werden! Ziel einer Igelaufzucht ist immer, ein selbständiges Tier wieder in die freie Natur zu entlassen!
Folgendes Futter erhalten die Igel bis zu ihrer Freilassung
- Feuchtfutter: 2-3 Esslöffel Katzendosenfutter, ½ Teelöffel Animastrath, wenig Weizenkleie
- Flüssigkeit: Wasser in flacher Schale
- Trockenfutter (als Ergänzung): 1 Esslöffel Igeltrockenfutter oder Katzentrockenfutter
Eine regelmässige Kontrolle der Gewichtsentwicklung erfolgt bis zur Freilassung (10-15g Zunahme pro Tag nicht überschreiten!).
Dementsprechend wird die Futtermenge laufend angepasst.
Ziehen Sie mehrere Jungtiere gross, bieten Sie soviele Futterschalen an, wie Jungtiere vorhanden sind. Stellen Sie beim Wägen fest, dass ein Igel nicht zunimmt, müssen sie ihn separieren. Es kommt oft vor, dass starke Jungtiere den schwachen das Futter wegfressen.
Haltung
Zur Haltung der Igelsäuglinge dient eine Plastikkiste, die mit Zeitungspapier und einem Frottetuch ausgelegt wird. Igelsäuglinge unterkühlen sehr rasch. Sie müssen mit einem Heizkissen (kleinste Heizstufe!) oder mit einer Wärmeflasche warmgehalten werden. Die leicht erhöhte Temperatur soll durch das Frottetuch hindurch spürbar sein. Die Igeljungen müssen immer die Möglichkeit haben, von der Heizquelle wegzukriechen, falls es ihnen dort zu warm ist. Neue Heizkissen schalten nach 90 Minuten Dauerbetrieb automatisch ab; mit einem vorgeschalteten Timer (15 Minuten on/ 15 Minuten off) umgehen Sie das.
Haben die Igelsäuglinge ein Gewicht von 120g erreicht, brauchen sie keine Wärmezufuhr mehr. Sie erhalten jetzt eine kleine Kartonschachtel als Nest. Die Schachtel wird mit einem Loch als Eingang versehen und mit zerrissenem Haushaltpapier gefüllt. Der Bewegungsdrang verlangt mehr Auslauf (1.5 - 2m2).

© Pro Igel e.V., Deutschland
Auswilderung
Ab einem Gewicht von 250-300-350g müssen die Igeljungen nach draussen in ein Freigehege von mind. 4m2 (besser 10m2) umgesiedelt werden. Als Nest dient jetzt eine Holzkiste von 30x30x30cm oder eine gelöcherte Styroporkiste (PDF 290 KB), die eine Öffnung von 10x10cm aufweist und mit Stroh gefüllt wird. Das Katzenfutter (2-3 Esslöffel) wird unter ein Futterhäuschen (Holzkiste mit Loch) gestellt, wo es vor Katzen sicher ist. Zum Trinken dient eine grosse Schale, die mit Wasser gefüllt wird. Nach ca. 2 Wochen werden die Igel in die Freiheit entlassen. Dabei wird das Tor des Freigeheges geöffnet, so dass die Igeljungen in die Freiheit spazieren können. Während 2 Wochen wird am gewohnten Ort weiterhin gefüttert. Auch das Schlafhaus soll dem Igel weiterhin zur Verfügung stehen. Auf diese Weise haben die Igeljungen genügend Zeit, ihren neuen Lebensraum kennenzulernen.
Checkliste für Auswilderung
Die Checkliste für Auswilderung (PDF 3.5 MB) fasst die wichtigen Punkte für eine Auswilderung nochmals zusammen.




